Mittwoch, 5. November 2014

Wie ein Kind das Gemüt verändert


Mein Mann ist der rationalste Mensch, den ich kenne. In dieser Hinsicht ergänzen wir uns unglaublich gut, da ich wohl der emotionalste Mensch bin, den er kennt. Ich bin sozusagen sein Gegenpol. Wenn ich eine Sache sehr emotional wahrnehme und in einer Situation ratlos bin, hilft mir seine rationale Art in einem Gespräch immer, die Dinge viel abgeklärter und sachlicher zu betrachten. Sein ruhiges Gemüt trägt hier natürlich positiv zur Sachlage bei. Zweifelsohne funktioniert die Situation auch im umgekehrten Sinn. Wenn er einen Umstand zu analytisch sieht, hilft ihm meine emotionale Sicht auf die Dinge dabei, den Sachverhalt in neuem Licht zu erkennen. Seit unser Kind auf der Welt ist, hat sich bei ihm hinsichtlich seiner Rationalität aber etwas Prägendes verändert.

Wenn es um Kinder geht, ist er, der rationalste Mensch in meiner Welt, plötzlich absolut emotional. Und es muss nicht in erster Linie um unser Kind gehen. Sei es ein Zeitungsartikel, in dem über einen Unfall eines Kindes berichtet wird, oder ein Spielfilm, in welchem ein Kind entführt wird, oder eine Nachbarin, die von dem im Bett befindlichen Kind, das sich im Kindergarten mit Masern angesteckt hat, erzählt. Diese Geschehnisse gehen ihm unwahrscheinlich nah. Natürlich hat sich nicht nur bei ihm etwas verändert, seit wir beide Eltern sind. Meine Emotionalität hat um einiges zugenommen, wobei ich anmerken muss, dass dies eigentlich fast nicht möglich war, da ich schon zeit meines Lebens eine sehr zartbesaitete und einfühlsame Person war. Nichtsdestotrotz empfinde ich solche Geschehnisse heute, als Mutter eines eineinhalbjährigen Sohnes, viel schlimmer als früher. Ich weiß nicht, was es ist. Selbstverständlich fand ich auch vor der Geburt unseres Kindes einen Zeitungsartikel über einen Unfall eines Kindes als wahnsinnig tragisch, aber heute fühle ich anders. Noch extremer. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich mir in solchen Situationen immer ausmale, dass es auch mein Kind hätte treffen können. Letztens haben wir uns den Film "The Prisoners" angesehen, in dem es um eine Kindesentführung geht. Der Film war für mich eine Achterbahnfahrt allerschlimmsten Grades. Die Gefühle, die ich während der Spielfilmdauer erlebte, waren so intensiv, dass ich während des Films nicht nur den Tränen nah war, sondern tatsächlich geweint habe, meine Hände schweißnass waren und mein Puls hohe Wellen schlug. Nachdem der Film zu Ende war, habe ich mit meinem Mann die Vereinbarung getroffen, nie wieder Filme anzusehen, in denen es in irgendeiner tragischen Art und Weise um Kinder geht. Meine Nerven können dieser filmischen Belastung nicht mehr standhalten.

Schlussendlich kann man resümieren, dass wohl einfach die Tatsache, dass plötzlich ein kleines Wesen zu Hause im Gitterbettchen im Schlafzimmer liegt, das auf einen angewiesen ist und für das man die Verantwortung trägt, ein derart überwältigendes Gefühl ist, das wahrscheinlich die Empathie der Eltern für andere winzige Geschöpfe fördert.

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