Sonntag, 9. November 2014

Der Schein trügt: Postmortemfotografie

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(unknown photographer; image from 1880s - Cabinet Card c. mid 1880s)

Ein Artikel auf der Internetseite aplus des amerikanischen Schauspielers Ashton Kutcher erinnerte mich an einen Vortrag, den ich vor Jahren an der Universität Innsbruck zur Postmortemfotografie gehalten habe. Vielen ist diese Art von Fotografie wahrscheinlich gänzlich unbekannt und für jene, die die Bilder zum ersten Mal sehen, ist es vermutlich ein verstörender Anblick. Im 19. Jahrhundert und bis in die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts waren der Körper und das Gesicht des Toten ein häufiges Motiv der Fotografie. Die fotografische Ablichtung von Toten – aufgebahrt, im Bett oder im offenen Sarg liegend – war keine verschämte Angelegenheit, sondern zentraler Teil der fotografischen Praxis. Seither ist die Fotografie von Toten anrüchig geworden, das Verhältnis von Fotografie und Tod hat sich grundlegend geändert. Die Fotografie hat zwar nicht aufgehört, sich der Toten anzunehmen, aber ihr Blick hat sich verschoben. Der „gewöhnliche“ Tod wurde – zumindest in den westlichen Kulturen – der Kamera entzogen. Und zugleich hat es wohl zu keiner Zeit so viele Bilder von Toten gegeben wie heute. Während der gewöhnliche Tod aus dem Blickfeld des Alltags verschwunden ist, hat sich der außergewöhnliche Tod immer deutlicher seinen Weg in die Wohnzimmer gebahnt: Es ist der Tod der anderen. 

Was verstehen wir vom Tod, wenn wir Fotografien von Verstorbenen betrachten? Und wen oder was sehen wir dabei? Wie gehen wir mit den Fotos um? Wo platzieren wir sie, wem zeigen wir sie, wo verbergen wir sie? Welche Art Beziehung unterhalten wir zu den Toten mit Hilfe ihrer Fotografien, und wie verständigen wir uns über unser Verhältnis zu ihnen? Ist uns dabei das Medium präsent oder bleibt es eine durchsichtige Membran?

In den westlichen Kulturen ist zu beobachten, dass die alltägliche Verwendung von Post-mortem-Fotografien seit Beginn des Mediums sehr beliebt war. Der Brauch, den hergerichteten Körper auf dem Sterbe- und Totenbett zu fotografieren, setzte im 19. Jahrhundert bereits unmittelbar nach der Erfindung des Mediums ein und hat sich zumindest in den süd-, mittel- und südosteuropäischen Ländern und bei bestimmten Gruppen in den USA teilweise bis heute fortgesetzt. Es geht dabei meist um das erste Bild des Toten nach dem Exitus und um sein letztes, bevor er durch die Bestattung den Blicken der Hinterbliebenen entzogen wird. Das heißt, während der prekären Interimszeit, die unmittelbar auf das Sterben folgt, wird der Tote gewaschen, frisch gekleidet, auf den Rücken gelegt, ihm werden Augen und Mund geschlossen und die Hände gefaltet. Unmittelbar nach dem Tod folgen zwei Phasen, die für die Postmortemfotografie wesentlich sind. Das Stadium nach dem Tod wird als raumzeitlich prekäre Zone wahrgenommen. Dem Leichnam haftet die ambivalente Wirkung des Unheimlichen an, denn er ist etwas äußerst Vertrautes, das schlagartig zu etwas Fremdem geworden ist. Ein mit Gefühl, Geist und Willen ausgestattetes Subjekt hat sich in ein willenloses Objekt ohne Sinneswahrnehmung und Bewusstsein verwandelt. Der Blick auf den Toten im Sterbebett in jenem prekären Zwischenstadium, bevor er zur kollektiven Betrachtung freigegeben wird, trifft auf einen Körper, der nun nichts mehr bedeutet außer sich selbst. Der Tote als „leeres Zeichen“, das nur mehr als Spur auf den ehemals Lebendigen verweist. Die zweite Phase ist das Herrichten des Leichnams für den Blick der Hinterbliebenen. Durch diese Präparierung werden die menschlichen Überreste, die ein sinnentleertes Bild darstellen, auf einer symbolischen Ebene resozialisiert und gewinnen den sekundären Charakter eines Bildnisses. Erst als für den Blick der Anderen hergerichtete Erscheinung tritt der Leichnam aus der irritierenden Latenz direkt nach dem Tod in die neue, geregelte Phase der individuellen wie kollektiven Trauer ein. Er wird endgültig ikonisch: konventionelles Abbild des einstmals Lebenden. Der schöne, hergerichtete Leichnam als Abbild des vormals Lebenden ist somit die erste Gabe des Toten an die Hinterbliebenen, denn es ist ja sein Körper, der dieses Bildnis generiert. Die fotografischen Repräsentationen von Toten sind somit Bestandteil einer symbolischen Ordnung: sie definieren deren Status im Verhältnis zu den Lebenden und umgekehrt. Nach der Phase der Präparierung, wird eine Phase zwischen Tod und Bestattung anberaumt, in der die Angehörigen, die Freunde und die Gemeinde Abschied nehmen können, und zwar durch die Betrachtung des Leichnams als Bildnis. Die Dauer dieses Zeitabschnitts war ursprünglich durch die biologischen Determinanten der Verwesung bestimmt. Konservierungstechniken haben diese durchschnittlich drei bis vier Tage währende Phase in verschiedenen Kulturen, Zeiten und Kontexten stark verlängert. Zu diesen Techniken der Bewahrung könnte man auch die Fotografie zählen. Fotografie und Leichnam weisen in einigen Punkten Ähnlichkeiten auf. So sind dem Leichnam und dem Foto gleichermaßen die Qualitäten als Nachbild und Ebenbild inhärent. Beide teilen die Qualität der physischen Spur sowie der Ähnlichkeit mit einem unmittelbar zuvor noch lebenden Körper. Beide vergegenwärtigen uns die Abwesenheit des einstmals Lebenden und überführen ihn in ein Bild. Der wichtigste Unterschied besteht aber darin, dass die Fotografie die Zeit überdauert und der Leichnam nicht. Während der Leichnam vor unseren Augen seine Substanz und sein Gesicht verändert, um dann vollkommen zu vergehen und sich unserer Anschauung zu entziehen, hält die Fotografie den Referenten fest und stellt ihn im und als Bild auf Dauer dar.

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